Ernährungsmitbedingte Erkrankungen

Der Prozess des Alterns ist ein komplexer Vorgang, der mit zahlreichen, teilweise tiefgreifenden organischen Veränderungen einhergeht und zu einer stetigen Abnahme der physiologischen Funktionen führt. Die Altersveränderungen sind jedoch individuell und in Abhängigkeit von der jeweiligen Funktion unterschiedlich ausgeprägt.

 

Allgemeine Empfehlungen

Der abnehmende Energiebedarf erfordert eine Reduktion der Energiezufuhr bei gleichzeitiger Erhöhung der Nährstoffdichte. Aufgrund der hiermit verbundenen unsicheren Bedarfsdeckung bei zahlreichen Nährstoffen liegen inzwischen Empfehlungen zur  Supplementierung von Mikronährstoffen bei älteren Menschen vor. Die Nahrungsergänzung sollte nach ärztlicher Absprache erfolgen.

 

Sarkopenie

Der Alterungsprozess ist mit quantitativen und qualitativen Veränderungen der Skelettmuskulatur verbunden, die mit einer Abnahme von körperlicher Aktivität, Funktionalität und Leistungsfähigkeit einhergehen und von großer Bedeutung für Gesundheit und Lebensqualität älterer Menschen sind. Geht die Abnahme an Muskelmasse und -kraft über den normalen Altersverlust hinaus, spricht man von Sarkopenie.

Wichtige Ursachen einer Sarkopenie sind hormonelle Veränderungen (abfallende Testosteron‑, Östrogen- und Wachstumshormonspiegel), Mangelernährung, chronische Entzündungsprozesse und insbesondere eine reduzierte körperliche Aktivität aufgrund eines vorwiegend bewegungsarmen Lebensstils. Behandlungsoptionen umfassen einen aktiven Lebensstil mit viel körperlicher Bewegung und sportlicher Aktivität, Anpassung der Ernährung und ggf. auch eine pharmakologische Therapie. Krafttraining und eine adäquate Ernährung stellen die Grundlage eines erfolgreichen Behandlungskonzepts einer Sarkopenie dar.

Um die kontinuierliche Abnahme der Muskel- und Knochenmasse zu verringern, ist eine bedarfsangepasste Energiezufuhr von 24-36 kcal pro Kg Körpergewicht und Tag, je nach Aktivität, Ernährung- und Gesundheitszustand, sehr wichtig. Auch die Proteinzufuhr muss zum Muskelerhalt angepasst werden. Hier wird ist eine Zufuhr von 1,2-1,5 g hochwertiges Protein pro Kg Körpergewicht und Tag empfohlen. Hochwertige Proteinquellen sind Fleisch, Fisch, Milchprodukte und diverse Hülsenfrüchte wie z.B. Linsen.

Zum Erhalt der Knochenmasse werden eine erhöhte Calcium- (z.B. Milch, Käse, Blattspinat) und Vitamin D-Zufuhr (z.B. Fettfisch, Leber, Margarine)

Demenz

Der Begriff „Demenz“ kennzeichnet ein Krankheitsbild, welches vielfältige Beeinträchtigungen der Kognition, des Verhaltens und der Emotionen mit sich bringt. Viele soziale Funktionen und Fähigkeiten gehen dabei verloren. Es gibt viele Formen der Demenz, die zurzeit nicht heilbar sind.

Man unterscheidet zwischen primären und sekundären Demenzen. Primär bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der Demenz, wie z.B. bei Alzheimer, neurodegenerative Prozesse zugrunde liegen. Eine sekundäre Demenz ist die Folge einer zugrundeliegenden Krankheit. Das heißt, dass erst die Grunderkrankung beseitigt werden muss, bevor die Demenz behandelt werden kann.

Ernährungsbezogene Interventionen sollten ein integraler Bestandteil der Demenzbehandlung sein. Sie sollten auf einem routinemäßigen Screening auf Mangelernährung beruhen, gegebenenfalls gefolgt von einer Beurteilung und einer regelmäßigen Körpergewichtskontrolle, um Probleme frühzeitig zu erkennen. In allen Stadien der Demenz sollte eine orale Ernährung durch attraktives, qualitativ hochwertiges Essen entsprechend den individuellen Bedürfnissen, das in einer angenehmen Umgebung serviert wird in Verbindung mit adäquater pflegerischer Unterstützung und Behandlung sichergestellt sein. Wenn der Nährstoffbedarf durch die übliche oder angereicherte Nahrung nicht gedeckt wird, werden orale Nahrungsergänzungsmittel empfohlen, um den Ernährungsstatus zu verbessern. Günstige Auswirkungen einer Energie- und/oder Nährstoffsupplementierung auf die kognitiven Fähigkeiten sind jedoch nicht nachgewiesen. Eine künstliche Ernährung ist nur selten indiziert, nämlich nach sorgfältiger Abwägung von individuellem Nutzen und Risiken unter Berücksichtigung des (mutmaßlichen) Patientenwillens. Bei Patienten mit fortgeschrittener Demenz und in der terminalen Phase des Lebens wird eine künstliche Ernährung nicht empfohlen.

Adipositas

Die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas nimmt auch in der älteren Bevölkerung zu. Übergewicht und Adipositas werden über den sogenannten Body Mass Index (BMI), dem Verhältnis des Körpergewichts zur Körpergröße, definiert. Ab einem BMI von 25 kg/m^2 spricht man laut Weltgesundheitsorganisation von Übergewicht und ab einem BMI von 30 kg/m^2 von einer Adipositas, einer Fettleibigkeit.

Aus epidemiologischen Untersuchungen geht hervor, dass das Körpergewicht während des Erwachsenenalters kontinuierlich ansteigt mit Spitzenwerten um das 65. Lebensjahr und einer Tendenz zur Abnahme des altersbezogenen Durchschnittsgewichts bei Höherbetagten. Im höheren Lebensalter ist ein höherer Body Mass Index (BMI) mit der altersbezogen geringsten Mortalität assoziiert, sodass der BMI-Bereich von 25-30kg/m^2 bei Senior*innen als Normalgewicht gelten kann.

Ab einem BMI von 30kg/m^2 kann eine Gewichtsreduktion, unter Berücksichtigung des funktionellen Status, der Körperzusammensetzung und möglicher Begleiterkrankungen, sinnvoll sein. Denn, Übergewicht und Adipositas sind vor allem mit einer Zunahme des Risikos für Herz-Kreislauferkrankungen, aber auch orthopädischer Probleme, funktioneller Einschränkungen und Immobilität verbunden. Um dem entgegenzutreten wird eine Umstellung der Ernährung (Reduktion der Energiezufuhr bei gleichzeitiger Erhöhung der Nährstoffdichte) in Verbindung mit einer Steigerung der körperlichen Aktivität, sofern möglich, empfohlen. Zusätzlich ist zu beachten, dass auch adipöse Menschen mangelernährt sein können. Das heißt, dass auch Senior*innen, die unter Adipositas leiden, Mängel in der Zufuhr der essentiellen Nährstoffe aufweisen können.

Kau- und Schluckstörungen

Häufig werden Kau- und Schluckstörungen als eine Einheit wahrgenommen. Es handelt sich jedoch um zwei unterschiedliche Beeinträchtigungen. Bei Kaubeschwerden oder -störungen liegen die Ursachen und Symptome im Bereich der Zähne oder des Mundraumes. Schluckstörungen dagegen sind meist die Folge bestimmter Krankheiten, die Probleme beim Schlucken verursachen. Für eine erfolgreiche Therapie ist es wichtig, genau zwischen den Krankheitsbildern zu unterscheiden und die jeweiligen Ursachen zu erkennen. Besonders bei Kaubeschwerden können diese häufig leicht behoben oder die Symptome gelindert werden.

Kau- und Schluckstörungen haben weitreichende Folgen und führen zu einer massiven Einschränkung der Lebensqualität von Betroffenen. Sie werden in vielen Fällen nicht als solche erkannt oder aus- reichend behandelt. Daher sollten sich alle Personen, die engen und regelmäßigen Kontakt zu Senioren haben, darüber informieren, welche Zeichen auf Kau- und Schluckstörungen hinweisen können.

Ernährungstechnisch sollte die Konsistenz der Speisen (adaptierte weiche Kost, teil- pürierte, pürierte oder passierte Kost) der jeweiligen Kau- oder Schluckstörung angepasst werden. Je dünnflüssiger die Nahrung ist (z. B. Suppen, Getränke), desto schwieriger ist die Kontrolle beim Schlucken und die Aspirationsgefahr steigt. Daher hat es sich bewährt, Getränke oder dünnflüssige Suppen anzudicken.

Grundsätze der Therapie bei Kau- und Schluckstörungen sind:

  • Sicherstellung der Ernährung zur Verhinderung von Mangelernährung
  • Schutz der Atemorgane zur Verhinderung von Aspirationspneumonien
  • Erhalt der größtmöglichen Lebensqualität des betroffenen Senioren
Diabetes mellitus

Unter Diabetes mellitus versteht man verschiedene Störungen des Kohlenhydratstoffwechsels, die durch erhöhte Blutzuckerwerte (Blutglucosewerte) gekennzeichnet sind. Besteht ein absoluter Insulinmangel, durch eine gestörte Insulinausschüttung, spricht man vom Typ-1-Diabetes. Diese Form ist genetisch bedingt und tritt eher selten auf. Häufiger kommt der Diabetes Mellitus Typ 2 vor, bei dem ein relativer Insulinmangel aufgrund einer gestörten Insulinwirkung vorliegt. Ursache für einen Typ-2-Diabetes ist häufig Übergewicht.

Rund 3 Millionen Menschen über 65 Jahre in Deutschland haben Diabetes. In der Altersgruppe über 80 Jahre ist etwa jede oder jeder 3. betroffen. Ältere Menschen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes benötigen keine grundsätzlich andere Behandlung als jüngere. Allerdings kann es sinnvoll sein, die Therapie an im Alter veränderte Bedürfnisse sowie mögliche Einschränkungen anzupassen. Ein gut eingestellter Blutzucker bleibt im Alter weiterhin wichtig, um Folgekrankheiten eines dauerhaft erhöhten Blutzuckerspiegels zu vermeiden. Allerdings rückt zunehmend die Lebensqualität in den Vordergrund der Behandlung. Neben den Gefahren eines erhöhten Blutzuckerspiegels, können auch Unterzuckerungen für ältere Menschen besonders gefährliche Folgen nach sich ziehen. Bei Unterzuckerung steigen das Risiko für Stürze, die Anfälligkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Herzinfarkte, und es gibt Hinweise darauf, dass häufige Unterzuckerungen die Entstehung einer Demenz fördern.

Es gibt zwar keine spezielle „Diabetiker-Diät“ mehr, jedoch gibt es einige Punkte die man bezüglich der Ernährung bei Diabetes beachten sollte:

  • Bei der Lebensmittelauswahl sollten bevorzugt Kohlenhydrate mit einem hohen Ballaststoffanteil angeboten werden (z.B. Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte)
  • Die Aufnahme von zuckerhaltigen Lebensmitteln ist zwar grundsätzlich erlaubt, sollte aber weniger als 10 % der Gesamtenergie des Tages ausmachen.
  • Fructose, Fruchtzuckeralkohole, Sorbit und andere Zuckerausstauschstoffe werden nicht empfohlen und Alkoholkonsum ist nur nach individueller Risikoabschätzung erlaubt um langandauernde Unterzuckerungen zu vermeiden.
Obstipation

Bei der Obstipation, die umgangssprachlich als Verstopfung bekannt ist, handelt es sich um eine chronische funktionelle Darmstörung. Diese tritt als Symptom bei einer Vielzahl von Krankheiten auf.

Definiert wird die Obstipation anhand der Häufigkeit des Stuhlganges, wobei es sich bei < 3x/Woche um ein eindeutiges Anzeichen einer Obstipation handelt.

Weitere Symptome die von Patienten wahrgenommen werden, sind:

  • Starkes pressen während des Stuhlganges
  • Harter Stuhl
  • Seltene bzw. unvollständige Entleerung
  • Bauchschmerzen, Kopfschmerzen
  • Völlegefühl und Blähungen
  • Appetitlosigkeit
  • „unproduktiver“ Stuhlgang, sprich: es findet keine Defäkation trotzt Drang statt.

 

Risikofaktoren für eine Verstopfung sind ein Bewegungsmangel, eine Fehlernährung, die Einnahme bestimmter Medikamente (z.B. Neuroleptika) und bestimmte Erkrankungen (z.B. Demenz). Da diese Faktoren mit dem Alter i.d.R. zunehmen, gilt es umso mehr sich ausreichend zu bewegen und auf eine ausgewogene Ernährung zu achten, um eine Obstipation vorzubeugen.

Besonders wichtig ist die Aufnahme einer ausreichenden Menge an Ballaststoffen (30g/ Tag) in Kombination mit viel Flüssigkeit (mind. 1,5l/Tag). Diese erhöhen das Stuhlgewicht, beschleunigen die Dickdarmpassage und steigern somit die Stuhlhäufigkeit.

Es bietet sich eine Vielzahl an Lebensmitteln an, die ballaststoffreich und demnach positiv bei Obstipation zu bewerten sind, wie z.B.:

  • Vollkornprodukte aus Weizen, Dinkel, Roggen, Hafer
  • Frisches Obst, insbesondere Beerenobst (z.B. Brombeere, Heidelbeere, Himbeere)
  • Hülsenfrüchte (z.B. Kichererbsen, Linsen, Bohnen)

Es ist ratsam, stopfende Nahrungsmittel wie z.B. Schokolade, Weißmehl Produkte, Bananen oder Tee zu vermeiden und den Ernährungsplan ggf. anzupassen.

Man soll dem Leib etwas Gutes bieten, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen.

Winston Churchill